Die Gegenwart ist in Nachfolge des „Zeitalters der Extreme“ (Eric Hobsbawm) nicht weniger extrem geworden. Im Gegenteil erweist sie sich als Verwalterin der Barbarei des 20. Jahrhunderts. Was ist damit gemeint? Der künstlich hergestellte Hunger, den kein Mensch mehr leiden müsste, an dem kein Mensch mehr zugrunde gehen müsste – nach Jean Ziegler, UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, könnten mittels der heutigen Weltlandwirtschaft 12 Milliarden Menschen ernährt werden –, lastet als Schuld auf jedem, der heute der puren Existenz durch Zufälligkeit sich entrang. Den Heeren der Menschen ohne Arbeit, die unter unwürdigen Bedingungen ihr Leben fristen, stehen die Massen der working poor und der ungezählten Überstunden, die Tendenz zum Karōshi, entgegen. Die gesellschaftliche Untätigkeit wäre ebenso unnötig wie die leere Hyperaktivität der vom burn out Bedrohten, beides äußert sich im somatischen Symptom als Leiden der schon überflüssigen oder der noch gehetzten Kreatur. Bedingung ist der gnadenlose Wirtschaftskrieg der Nationen, der seit dem Verschwinden der Sowjetunion global ausgetragen wird. Diesem Krieg fallen die letzten sozialen Errungenschaften, die den Einzelmenschen vor der direkten Verelendung bewahren konnten, zum Opfer. Der Wirtschaftskrieg ist aber keine reine Metapher, die Aufrüstung der Nationen ist ein elementarer Bestandteil dessen. Die Militärhaushalte sind auf höchstem Niveau, die Kriegswirtschaft läuft in Permanenz und die weltweiten Waffenarsenale platzen aus allen Nähten. Warnte Albert Einstein vor über 60 Jahren davor, dass eine Wasserstoffbombe alles Leben auf der Erde vernichten könnte, so steht die Menschheit heute vor einem offensichtlichen overkill-Szenario. Die Apokalypse rückt aus dem Bereich der Metaphysik in die Wirklichkeit. Die kulturindustrielle Integration fürs konformistische Bewusstsein folgt auf dem Fuß – von Emmerich-Filmen bis zur AXE-Werbung. Dass, wo die Zerstörung der Humanität sich praktisch durchsetzt, die Kulturindustrie nur beredetes Schweigen anbietet, ist kein Zufall. Die kulturindustrielle „Codierung des Holocaust“ (Detlev Claussen) zeigt, wie aus der Vermischung von Bildvorstellungen mit bildungsbürgerlicher Konkursmasse eine trivialisierende Rationalisierung entsteht. Jede sogenannte humanitäre Katastrophe wird mittels der Aufdringlichkeit der Bilder auf Abstand vom Verstand gehalten. Auch das Ende des blutigen Kolonialsystem und das Ende der Blockkonstellation brachten keineswegs das Bessere aus sich hervor, weltweit brechen ethnonationalistische Konflikte aus, die oftmals im Gemetzel wie in Ruanda 1994 enden. Theodor W. Adorno schrieb in den Minima Moralia im Jahre 1944: „Millionen Juden sind ermordet worden, und das soll ein Zwischenspiel sein und nicht die Katastrophe selbst. Worauf wartet diese Kultur eigentlich noch?“ Dass diese Kultur immer noch zu warten scheint, wirft einen Blick auf die Katastrophe in Permanenz, lässt die Ahnung deutlich werden, dass das Grauen nicht verging, weil sich die Gesellschaft im Wesentlichen nicht veränderte. Der Reichtum der kapitalistischen Zentren ist auf Ausbeutung und Vernichtung errichtet, die Gegenwart schleppt die Effekte vergangener Grausamkeiten in Form des akkumulierten Kapitals mit sich. „Wird da verziehen, wo Missetat besteht?“, wird in Shakespeares Hamlet gefragt und negativ beantwortet. Verzeihen wäre möglich, wenn die andauernde Missetat aus der Welt geschafft wäre.

Die Phänomene der Vergangenheit und Gegenwart lassen jeden denkenden und fühlenden Menschen sprachlos werden. Sprachlos vor ihrer Dimension, vor der geballten Herrschaft und dem konzentrierten Sadismus. Sprachlos aber auch, weil zum Sprechen es, neben dem intakten Körper, Luft zum Atmen und Zeit zum Denken braucht. Der theoretischen wie praktischen Kritik werden die Grundlagen in dem Maße entzogen, wie das Kapital die Subjekte in den ökonomischen Zentren nur noch unter den Bedingungen der puren Selbsterhaltung und der tendenziellen Überflüssigkeit für die Verwertung setzt. Unter Überflüssigkeit wird die absolute Ersetzbarkeit eines jeden Einzelnen im Produktionsprozess verstanden, die Nichtigkeit eines jeden für das Ganze. In Zeiten der entfesselten Konkurrenz unter den Lohnabhängigen und des gesteigerten künstlichen Mangels unter den Bedingungen der Krise, ist die Überflüssigkeit des Einzelsubjekts keine abstrakte Kategorie, sondern das praktische Weltverhältnis, welches frei flutende Angst zur Folge hat. Denn die Wahrheit übers Subjekt erweist sich in der Peripherie, in der Menschen, welche weder als Produzenten noch Konsumenten in Frage kommen, krepieren müssen. Tendenzielle Überflüssigkeit und allgemeine Todgeweihtheit gehören heute zusammen. Die Gesellschaft heute hat zwar nicht die Arbeit, wohl aber die Menschen überflüssig gemacht. Deswegen muss in den Zentren ein jeder sich wie verrückt abstrampeln, damit er oder sie noch dazugehört, einfache Integration reicht nicht auf der Ebene der erweiterten Reproduktion. Das keep smiling muss überzeugen – und nicht zuletzt einen selbst. Die Angst vor dem eigenen Herausfallen aus der gesellschaftlichen Maschinerie setzt eine nicht enden wollende Reihe an gesellschaftlichen Initiationsriten in Kraft. Allein die Gnade des Systems für seine Getreuen lässt diese, auf Probezeit, am Leben. Der Geist, das Denken und die Kritik, der sich durch die Herrschaft der geistigen über die körperliche Arbeit aus dem natürlichen Gemeinwesen partiell hat emanzipieren können, wird unter diesen prekären Bedingungen der Selbsterhaltung untergeordnet, verliert seine Bestimmung als spezifisch Geistiges. Wenn das Denken permanent seine Nützlichkeit und praktische Verwertbarkeit beweisen muss, wird es selbst relativ und austauschbar. Dass Kritik nicht an der Universität sich entfalten kann, verwundert kaum. Doch das Changieren der Kopfarbeitenden zwischen Schweigen und Geschwätz beschämt. Was wäre die Sprache, die Grammatik der Kritik? Wie sprechen, auch für die, die nicht sprechen können, weil ihnen buchstäblich das Fressen, was nicht nur vor der Moral, sondern auch vor der Kritik kommt, fehlt? Das Ringen mit der Sprachlosigkeit und um die Sprache der Kritik erweist sich heute als Kampf um die Voraussetzungen der Kritik wie der Gegenstand der Kritik der Kampf um die Voraussetzungen der menschlichen Gattung geworden ist.

Die Veranstaltungsreihe findet mit freundlicher Unterstützung des RefRats der HU, des AStA der FU, der FSI Sozialwissenschaften der HU und der FSI Philosophie der HU statt.