Die Veranstaltungen finden an der Humbolt-Universität zu Berlin statt.

13. Juni 2013 19:30 Uhr
Dorotheenstraße 26 / Raum 207
Vortrag Nina Rabuza & Martin Mettin

Überlegungen zur Kritischen Theorie.

Die Kritische Theorie der Gesellschaft, wie Max Horkheimer in seinem Aufsatz »Traditionelle und kritische Theorie« schreibt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, die realen gesellschaftlichen Verhältnissen zu analysieren und die Frage nach der Möglichkeit von Freiheit zu stellen, deren Verwirklichung heute unmöglich erscheinen muss. Die Spannung zwischen der Hoffnung auf Glück und Freiheit und deren verpasster Verwirklichung stellt eine paradoxe Grundfigur der Kritischen Theorie dar. Der Vortrag möchte diese und einige weitere Motive des Kritischen Denkens, insbesondere Theodor W. Adornos, Max Horkheimers und Walter Benjamins, einführend beleuchten.

20. Juni 2013 19:30 Uhr
Dorotheenstraße 26 / Raum 207
Vortrag Arne Kellermann

Fetzen kritischer Theorie in Zeiten konstitutiver Überflüssigkeit. Zur Stellung der Überbleibsel des Denkens zum stacheligen Objekt.

Soll (kritische) Theorie zumindest die Spuren einer aufgehobenen Agitation an sich tragen – den Stachel des Widerstandes sich nicht selbst abbrechen; soll sie trotz aller Ohnmacht des Einzelnen sowie der Verstelltheit von Praxis doch den Charakter des Eingriffs nicht ganz verlieren, so ist sie wesentlich angewiesen auf eine Reflexion des geschichtlich-konkreten Konstitutionszusammenhangs der Gesellschaft und der zeitgenössischen Formen des Überlebens.
Problematisch wird diese Reflexion auf die konstitutive Objektivität zu einem Zeitpunkt, in dem die vollkommene Überflüssigkeit eines jeden Individuums zur unhintergehbaren Grundlage des gesamten Erfahrungshorizonts geworden ist: während der fortherrschende Hunger in den Elendsregionen dieser Welt sowie das qualvolle Verenden in jenen Regionen solche Überflüssigkeit von »Menschenmaterial« unmittelbar bewusst werden lässt und deswegen nicht zu sehr ins Bewusstsein eindringen darf; während die unendlich angewachsene Überflüssigkeit derjenigen, die für einen Hungerlohn bereit sind – oder gewaltvoll gezwungen werden –, ihre leibliche Existenz der materiellen Produktion von Schund und Ungenießbarem zu opfern, das dann andernorts lusttötend konsumiert wird; während sich die Überflüssigkeit sogar derer, die bereit sind nicht nur ihre Arbeitskraft zu verwursten, sondern selbstvergessen auch ihre Überbleibsel von lebendigem Impuls – letztlich jede Form von Hoffnung auf Glück – in der Produktion von synthetischem Sinn abzutöten, sich an deren wahnhafter Selbstanpreisung ablesen lässt; – in einem solchen Zusammenhang würde eine Formulierung Adornos negativ an den zu durchschlagenden Bann erinnern, dessen Auflösung kritische Theorie inhaltlich antreibt: »Zart wäre einzig das Gröbste: daß keiner mehr hungern soll.«
In einem historischen Zustand, in dem der Zusammenhang zwischen dem elendigen Krepieren von Menschen und der Sinnlosigkeit des eigenen Lebens so durchsichtig geworden ist, dass jede ernsthafte Beschäftigung mit einem beliebigen – auch geistigen – Gegenstand innerhalb kürzester Zeit zum berechtigten Selbsthass führte, »stellt sich«, wie Wolfgang Pohrt 1976 zu Recht festhielt, »die Frage nach dem Verhältnis von Theorie und Praxis weit ungemütlicher als je zuvor.« – nur dass seitdem das vermeidbare und nicht wiedergutzumachende Leiden nicht aufgehört hat, aufgehäuft zu werden und die anhaltende Permanenz der Qual die Beschäftigung mit der Frage wirklich schmerzhaft werden ließ.
Das Eingedenken der weiter krepierenden Opfer, die wesentlich Teil und objektiver Skandal jenes Zusammenhangs sind, auf dem auch etwaige kritische Subjektivität fußt, ist ernsthaft in kritische Theorie aufzunehmen, soll sie nicht aus Selbstschutz vor dem durchweg stachelig gewordenen Objekt zurückweichen. Dass hier von »Eingedenken« der gegenwärtig zu Grunde gehenden Opfer gesprochen wird, drückt im sprachlichen Widerspruch die heutige Aporie des Denkens aus: Eingedenken, das sich eigentlich auf Vergangenes bezieht, wird das einzige Medium des Innewerdens des Bestehenden, das aufgrund seiner eigenen Desintegration die momentan leidenden Opfer als schon Verlorene produziert.
Wenn das Sterben weitergeht; unter der Hand der letzten 40 Jahre eine neue Form von Barbarei Realität geworden ist – die alltags-praktische Verdrängung des Krepierenlassens – und sich im gleichen Prozess die materiellen Voraussetzungen kritischer Theorie in der Auflösung befinden, nötigt Selbstreflexion des Denkens erneut zur Frage nach seinen realen Möglichkeiten.

27. Juni 2013 19:30 Uhr
Dorotheenstraße 26 / Raum 207
Vortrag Jordi Maiso

Gegenwärtige Vorgeschichte: Versuch einer Standortbestimmung.

Kritische Theorie, die vielen überholt dünkte, bleibt aktuell, weil blind wirkendes Naturgesetz und gesellschaftlich organisierter Wille ineinander übergehen. Die Vorstellung, dass mit dem Ende des Kapitalismus auch das Ende der Vorgeschichte erreicht wäre, scheint heute nicht mehr haltbar. Wenn der Kapitalismus gegenwärtig vor einem Auflösungsprozess steht, passiert dies nicht auf Grund der bewussten Handlung lebendiger Subjekte, sondern auf Grund der inneren Widersprüchen des »automatischen Subjekts« und der materiellen Widerstände einer Welt, die nicht grenzenlos ausbeutbar ist. Angesichts der Verrohung sozialer Verhältnisse, der enormen Opfer, die das immer mühseligere Weitergehen des business as usual fordert, scheint die Kritik der »Pathologien« der Moderne und der Vernunft bereits eine arge Verharmlosung. Kritische Theorie sieht sich heute genötigt, eine neue Stufe der Vorgeschichte zu begreifen, in der das Misslingen von Subjektivität und Geschichte gewaltsam zutage tritt: Was heißt das für die Theoriebildung, für die Fähigkeit zur Einsicht überhaupt? Wie wirkt das auf die subjektiven Triebkräfte der Kritik? Wie verändert sich unter diesen Bedingungen die Möglichkeit von Erfahrung? Bei aller Dringlichkeit einer gesellschaftstheoretischen Reflexion, die seinem Gegenstand gerecht wird, muss auch die Ohnmacht reiner Theorie mitreflektiert werden: »Für Kontemplation scheint es zu spät«.

28. Juni 2013 12 Uhr
Dorotheenstraße 24 / Raum 1.201
Tagesseminar Jordi Maiso

Gegenwärtige Vorgeschichte: Versuch einer Standortbestimmung.

Die Problemstellung des Vortrages aufgreifend wird es die Möglichkeit geben, an ausgewählten Texten die gegenwärtige Formation der Vorgeschichte gemeinsam zu diskutieren. Ein Reader wird bereitgestellt. Um Voranmeldung unter nacktegewalt [at] gmx [Punkt] de wird gebeten.

5. Juli 2013 19:30 Uhr
Dorotheenstraße 26 / Raum 207
Vortrag Joachim Bruhn

Kalkül und Wahn, Vertrauen und Gewalt. Vor dem Ausnahmezustand des Kapitals.

Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Gleichwohl: Die Gesellschaft der totalen Konkurrenz ist in heller Panik, sie wird sich zersetzen und zerstören. Unmöglich noch kann sie die Bedingung der Möglichkeit ihrer eigenen Existenz aus sich selbst heraus reproduzieren: der vollendet autistische Selbstbezug des Kapitals, die losgelassene Akkumulation um der Akkumulation willen, die »Plusmacherei« (Marx) rutscht ins historische Minus, zerbricht an sich und eben daran, dass die Gesellschaftlichkeit der Individuen als Subjekte bloß auf dem generalisierten Ausschluss aller durch alle gründet, der, eben in den Formen von Wert, Geld, Kapital den totalen Einschluss stiftet, d.h.: die gesellschaftliche Synthesis als vollendet negative. Das ist gewiss paradox: die unbedingte gesellschaftliche Einheit in der Form des totalisierten Atomismus; ein Paradox jedoch, das im Geld dingliche Gewalt annimmt und als »logisches Rätsel« (FAZ) erscheint. In der Panik wird sich die falsche Gesellschaft ihres eigenen Widersinns inne, allerdings in einer nur noch verrückteren Form, einer Form, die das bankrotte Kalkül der Ökonomie vermittels des Wahns der Politik zu therapieren verspricht, tatsächlich zu überbieten sucht: der Form eines paranoiden Souveräns, der den Triumph des Willens über den kapitalen Sachzwang beschwört und so gerade die »Angst vor dem Chaos« schürt, darin die Flucht nach vorn anpeitscht und so auf den autoritären Staat provoziert, auf den Ausnahmezustand, d.h. auf die ursprünglich faschistische Situation: denn nichts anderes ist der »Preis des Marktes« als das politisch, vermittels des Gewaltmonopols auf Leben und Tod erzwungene Opfer der Individuen.

6. Juli 2013 11 Uhr
Dorotheenstraße 24 / Raum 1.501
Tagesseminar Joachim Bruhn

Kritik und Krise. Der Anfang des Marxschen Kapital und das Ende der kapitalisierten Gesellschaft.

»Wahrheit ist objektiv, nicht plausibel«: Dies Diktum Theodor W. Adornos scheint der tatsächliche Grund zu sein, warum weder die offizielle bürgerliche Gesellschaft noch ihr linker, insbesondere nicht ihr universitärer Begleitservice mit der Kritischen Theorie sonderlich viel anfangen mögen. Dass das Denken in der Interpretation des Vorfindlichen zu gründen habe, dass das Denken es daher auch nicht weiter bringen kann als bis zur Meinung, und, wenn’s gut geht oder die Staatsmacht dahintersteht, zum Konsens und zum Einverstandensein, gilt allseits als abgemacht. So massiv ist der »Schein der Tatsachen« (Marx) geworden, dass seine gesellschaftliche Konstitution als unerreichbar gilt und schon der Anspruch darauf als autoritärer Dogmatismus. Das Ergebnis ist danach: wo Vernunft, deren Thema nur eben die Konstitution des Gesellschaftlichen sein kann, auf bloßen Verstand reduziert wird, da macht sich die Bauernschläue von Intellektuellen breit, die ihr Denkprodukt mit erlesener Raffinesse am Markt zu behaupten wissen. Die Widersprüche, gar: die Antinomien, in die sie verfallen, kümmern nicht weiter: eben dies ist ja der Sinn von Ideologie als der Rationalisierung des Widersinnigen. Der Marxsche Begriff der Kritik dagegen gründet in der ungeschmälerten Erfahrung des logischen Widerspruchs und im Vertrauen auf die Objektivitätsmächtigkeit des Denkvermögens, d.h. in subjektiver Vernunft, die ihre bloße Subjektivität keinesfalls als Vorwand nimmt, sich zu relativieren. Denn der Begriff von Wahrheit, den diese Kritik nur haben kann, ist in der notwendigen Krise, im Untergang und im Zusammenbruch des Kapitalverhältnisses als einer unmöglichen Vergesellschaftungsweise angelegt: indem die Kritik die Krise kategorial antizipiert und in jeder ihrer Aktionen polemisch ausdrückt, kommt ihr ihre eigene Objektivität entgegen.
Das Verhältnis von Kritik und Krise im Materialismus (oder auch, so Marx, »kritischen Kommunismus«) hat mit dem vom Anfang und vom Ende der Marxschen Darstellung des Kapitals zu tun. Weil dieser Anfang nicht willkürlich, sondern im Resultat sozialphilosophischer Reflexion gesetzt wird, ist er mit dem Ende vermittelt und wird durch das Ende der Darstellung »bewiesen«, aber einzig in dem Sinne, dass der »Beweis« nur der Untergang bzw. die Abschaffung des kritisierten Objekts selbst ist. Die Wahrheit des Kapitals ist seine gesellschaftliche Liquidation. Es zeigt sich hier, dass die »Kritik der politischen Ökonomie« mit Bedacht als Kritik, nicht, wie gerade die Linksfraktion der Akademiker beliebt, als Theorie bezeichnet wird. Die marxschen Einlassungen zur Krise im 3. Band des »Kapital«, insbesondere das »Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate«, verweisen darauf.

Ein Reader wird bereitgestellt. Um Voranmeldung unter nacktegewalt [at] gmx [Punkt] de wird gebeten.

11. Juli 2013 19:30 Uhr
Dorotheenstraße 26 / Raum 207
Vortrag Lea Bendemann

»Wirf‘ weg, damit Du gewinnst«. Metaphysik bei Adorno.

An der Frage, ob sich nach Auschwitz noch leben lasse, die Adorno zugleich als Problem der Metaphysik nach Auschwitz begreift, wird deutlich, dass sich seinem Denken die Liquidation des Ichs mit der Stellung der Metaphysik verschwistert zeigt. Das metaphysische Problem stellt sich in der Konstellation folgender Fragen: Was kann Metaphysik nach Auschwitz bedeuten? Wie behauptet sich Transzendenz in einem Immanenzzusammenhang, der sich zur Ausmerzung des Nichtidentischen verschwor? In welcher Form überwintert Metaphysik angesichts des neuen Todes der Massenvernichtung? Wie konnten die großen metaphysischen Fragen auf das ephemere Leben eingebnet werden? Was heißt metaphysische Erfahrung heute und welche Möglichkeit trägt diese in sich? In welchem Verhältnis steht die Autonomie der Kunst zur Metaphysik?
Im Spannungsverhältnis dieser Fragen wirft Adornos Denken Licht auf die Möglichkeit der Metaphysik. Im Wort »Wirfʼ weg, damit du gewinnst« kristallisiert sich ein Verhältnis zur Metaphysik, das jeglicher kritischen Theorie einwohnt. Wie lässt sich also nach dem geschichtlichen Sturz der metaphysischen Ideen die Rettung des Individuellen im Sinn gewaltloser Nichtidentität des Subjekts denken?

18. Juli 2013 19:30 Uhr
Unter den Linden 6 / Raum 2002
Vortrag Sebastian Tränkle

»Sagen, was sich eigentlich nicht sagen lässt«. Über Sprachlosigkeit und materialistische Sprachkritik.

Immer wieder wurde in der Moderne ein Verlust, Verarmen oder Scheitern der Sprache diagnostiziert. Die Avantgarden reagierten auf den Ersten Weltkrieg mit der programmatischen Zertrümmerung der Sprache. Im Angesicht des jeglichen kategorialen Rahmen sprengenden Holocausts sowie der Kontaminierung besonders der deutschen Sprache kämpfte Gesellschaftskritik mit einem Problem, dem Paul Celan lyrischen Ausdruck gab: »Welches der Worte du sprichst – / du dankst / dem Verderben.« Gegenwärtig leidet das kritische Ausdruckspotential der Sprache sowohl unter der maßlosen konstruktivistischen Überschätzung ihrer Wirkmacht als auch unter einer sprachlichen Inflation, die sich in einem postmodernen Jargon der Beliebigkeit, der Akademisierung von Kritik etc. niederschlägt. Die Erfahrung der Sprachlosigkeit verweist auf ein grundlegendes sprachphilosophisches Problem: man kann, was selbst nicht begrifflicher Natur ist, immer nur mit Begriffen ausdrücken. Doch die Reflexion auf die Grenzen der Sprache war immer wieder Anlass für Versuche, dem Verstummen etwas entgegenzusetzen. Ausgehend von der gesellschaftskritischen Einsicht, »dass die Sprache die Sprechenden nochmals einsperrt; dass sie als deren eigenes Medium eigentlich misslang« (Adorno) fragt Sprachkritik immer auch nach den Ausdruckspotentialen, die der Verdinglichung und Zurichtung der Sprache noch zu entreißen sind. Nur über die immanente Kritik der Sprache, die sich der ideologischen Funktion von Begriffen und Metaphern, Sätzen und Urteilen, schließlich dem stets drohen »Aufbruch der Phrase zur Tat« (Karl Kraus) widmet, lässt sich die Frage nach einer Sprache der Kritik stellen. Das möchte der Vortrag tun, indem er Elemente einer ideologiekritisch motivierten, materialistischen Begriffs- und Metaphernkritik diskutiert.