Vortrag VI

»Sagen, was sich eigentlich nicht sagen lässt«. Über Sprachlosigkeit und materialistische Sprachkritik

Immer wieder wurde in der Moderne ein Verlust, Verarmen oder Scheitern der Sprache diagnostiziert. Die Avantgarden reagierten auf den Ersten Weltkrieg mit der programmatischen Zertrümmerung der Sprache. Im Angesicht des jeglichen kategorialen Rahmen sprengenden Holocausts sowie der Kontaminierung besonders der deutschen Sprache kämpfte Gesellschaftskritik mit einem Problem, dem Paul Celan lyrischen Ausdruck gab: »Welches der Worte du sprichst – / du dankst / dem Verderben.« Gegenwärtig leidet das kritische Ausdruckspotential der Sprache sowohl unter der maßlosen konstruktivistischen Überschätzung ihrer Wirkmacht als auch unter einer sprachlichen Inflation, die sich in einem postmodernen Jargon der Beliebigkeit, der Akademisierung von Kritik etc. niederschlägt. Die Erfahrung der Sprachlosigkeit verweist auf ein grundlegendes sprachphilosophisches Problem: man kann, was selbst nicht begrifflicher Natur ist, immer nur mit Begriffen ausdrücken. Doch die Reflexion auf die Grenzen der Sprache war immer wieder Anlass für Versuche, dem Verstummen etwas entgegenzusetzen. Ausgehend von der gesellschaftskritischen Einsicht, »dass die Sprache die Sprechenden nochmals einsperrt; dass sie als deren eigenes Medium eigentlich misslang« (Adorno) fragt Sprachkritik immer auch nach den Ausdruckspotentialen, die der Verdinglichung und Zurichtung der Sprache noch zu entreißen sind. Nur über die immanente Kritik der Sprache, die sich der ideologischen Funktion von Begriffen und Metaphern, Sätzen und Urteilen, schließlich dem stets drohen »Aufbruch der Phrase zur Tat« (Karl Kraus) widmet, lässt sich die Frage nach einer Sprache der Kritik stellen. Das möchte der Vortrag tun, indem er Elemente einer ideologiekritisch motivierten, materialistischen Begriffs- und Metaphernkritik diskutiert.

Sebastian Tränkle

18. Juli 2013 – – – 19:30 Uhr
Humboldt Universität zu Berlin
Unter den Linden 6 – – – Raum 2002