Zur Kritik von Hartz IV

Ein Hinweis auf zwei Veranstaltungen. Die erste:

Hartz I-IV = Armut per Gesetz
ein Vortrag von Marcel Kallwass, ehemaliger Student der Bundesagentur für Arbeit

Die Armut ist gewachsen, das verdanken wir unter anderem den Hartz-Gesetzen. Die maßgeblich ausführenden Institutionen der Gesetze sind die Jobcenter und Arbeitsagenturen. Den staatlichen Institutionen zufolge sind die Betroffenen selbst schuld daran, dass sie keinen Job haben. Erwerbslose sollen alles mögliche tun, um einen zumeist prekären Job zu bekommen: Daten preisgeben, Bewerbungen schreiben ohne Ende, an sinnlosen Maßnahmen teilnehmen und 1€-Jobs machen.

Im Alltag treffen Erwerbslose auf Vertreter*innen der Bürokratie, die je nach Laune und Charakter die Gesetze auslegen, oftmals sogar die darin stehenden Rechte für Erwerbslose verweigern. Die Beschäftigten der Behörden üben allein durch die Umsetzung der Gesetze strukturell Gewalt auf die Erwerbslosen aus und schränken damit die Freiheit massiv ein.

Auf der anderen Seite beschweren sich die Beschäftigten über hohen Leistungsdruck. Tatsächlich werden sie Behördenintern mit immer höheren Zielvorgaben unter Druck gesetzt. Zudem sind viele der Angestellten befristet eingestellt und damit leicht erpressbar im Sinne der Behörden.

In dem Vortrag wird Marcel Kallwass besonders auf den Zusammenhang zwischen Behördenablauf und Umgang mit Erwerbslosen eingehen. Als ehemaliger Student der Hochschule der Bundesagentur kann er zudem über die dortige Lehrpraxis und das Milieu des Nachwuchses berichten.

5. Februar 2015 – – – 19:30 Uhr
Humboldt Universität zu Berlin
Unter den Linden 6 – – – Raum 2097

Und noch ein Vortrag:

Anmerkungen zur Kritik an Hartz IV und zur Geschichte des deutschen Sozialstaats
Vortrag von Lukas Holfeld, Mitglied des Bildungskollektivs

Zehn Jahre ist es her, dass das vierte Hartz-Gesetz in Kraft trat. Die Agenda 2010, die Hartz-Gesetzgebung und die damit verbundene Umstrukturierung von Sozialstaat und Arbeitsmarkt gehören zu einem der folgenreichsten Projekte eines Klassenkampfes von oben. Während Deutschland in den 90′ern noch als „kranker Mann Europas“ bezeichnet wurde, nimmt man sich heute in Europa ein Beispiel an seiner Sozialgesetzgebung. Demgegenüber ist es in gesellschaftskritischen Kreisen relativ ruhig um Hartz IV geworden. Aus diesem Grund möchte der Vortrag einige grundlegende Gedanken zu Hartz IV und dem deutschen Sozialstaat entwickeln und nach den Grundlagen einer adäquaten Kritik fragen. Von linker Seite wird oftmals die Kritik formuliert, Hartz IV sei eine Demontage des Sozialstaats gewesen. Dies mag dahingehend richtig sein, dass die staatlichen Transferleistungen mit Hartz IV erheblich gekürzt wurden und sich damit die Reproduktionsbedingungen von Arbeitslosen und Lohnabhängigen verschlechtert haben. Andererseits wurden mit Hartz IV jedoch wesentliche Funktionen des Sozialstaats – insbesondere die Kontrolle derjenigen, für die das Kapital keine unmittelbare Vernutzungsmöglichkeiten hat – ausgebaut. Deshalb, so eine These des Vortrags, muss die Kritik an Hartz IV eine Kritik des Sozialstaats als solchem beinhalten. Der Vortrag hat nicht den Anspruch einer umfassenden Abhandlung, sondern möchte einige Thesen zur Diskussion stellen.

12. Februar 2015 – – – 19:30 Uhr
Schankwirtschaft Laidak
Neukölln – – – Boddinstraße 42/43

Mitschnitte

Den Vortrag und die Diskussion von Felix Riedel unter dem Titel »Dass nichts Ähnliches geschehe – Kritische Theorie nach der Wiederholung« in der Veranstaltungsreihe zu »20 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda« gibt es zum Nachhören. Gedankt wird dem Audioarchiv für Aufnahme, Bearbeitung und Bereitstellung.

Vortrag »Kritische Theorie nach der Wiederholung«

Diskussion »Kritische Theorie nach der Wiederholung«

Kritische Theorie des Antiziganismus

Ein Hinweis auf eine Veranstaltung:

Kritische Theorie des Antiziganismus
Vortrag von Nico Bobka

»Die Juden sind die heimlichen Zigeuner der Geschichte«, schrieb Theodor W. Adorno in einem Brief an Max Horkheimer. Die Gedanken, die Adorno um diese These herum entfaltet, erschienen ihm »so waghalsig«, dass er sich nicht traute, sie jemand anderem als Horkheimer zu zeigen. Dennoch konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, mit diesen fragmentarischen Überlegungen ein wichtiges Motiv erkannt zu haben, das eine »zugleich einheitliche und nicht rationalistische Erklärung des Antisemitismus« erlaubt. Was Adorno erkannt zu haben meinte, betrifft unweigerlich auch eine erst noch auszuformulierende kritische Theorie des Antiziganismus: die gemeinsamen, archaischen Züge, die ihre Ursache in einem sehr frühen Stadium der Geschichte der Menschheit haben. Das Aufgeben des Nomadentums, die mit dem Sesshaft-Werden zusammenfallende Arbeit und aller damit verbundene Triebverzicht seien eines der schwersten Opfer gewesen, die die Geschichte der Menschheit auferlegt habe. Das Bild der Juden als »Zigeuner der Geschichte«, damit das Bild der Zigeuner überhaupt, repräsentiert das eines Zustands der Menschheit, der die Arbeit nicht gekannt hat; »Zigeuner« gelten als diejenigen, die den schmerzlichen Prozess der Zivilisation verschmäht oder nur unzureichend vollzogen haben, die sich nicht dem Primat der Arbeit unterwerfen haben lassen. Je mehr die zur zweiten Natur gewordene Welt der Sesshaftigkeit, als eine der Arbeit, die Unterdrückung reproduziert, desto mehr scheinen sich die Zivilisierten den Gedanken an einen nomadischen Zustand des Glücks, so unglücklich dieser selbst auch sein mag, nicht mehr erlauben zu dürfen. Im Vortrag soll fragmentarisch dargestellt werden, dass der Antiziganismus also nicht in der wie verzerrt auch immer wahrgenommenen Lebensrealität der Roma wurzelt. Im Anschluss an Franz Maciejewskis psychoanalytische Überlegungen soll der Antiziganismus auf den Begriff gebracht werden: als ein Antiziganismus ohne Sinti und Roma – nicht jedoch ohne »Zigeuner«. Der Begriff des »Zigeuners« kann kritischer Theorie nicht etwa Anlass sprachpolitischer Interventionen sein, sondern gilt ihr vielmehr als Ausgangspunkt für eine zu reflektierende Urgeschichte des Antiziganismus; eine Urgeschichte der Gattung, die noch in jeder individuellen Entwicklung wiederholt wird. So wird sich herausstellen, dass der »Zigeuner« kein Konstrukt ist, sondern vielmehr materielles Produkt des Zivilisationsprozesses, das sich im Unbewussten der Subjekte niedergeschlagen hat. Der »Zigeuner« wäre somit der Deckname für in die Außenwelt projizierte, dem Bewusstsein verborgene, tabuisierte und verleugnete Selbstanteile der Antiziganer; und der Antiziganismus wäre der niemals endende Versuch, am Objekt der Projektion die eigenen zivilisatorischen Zurichtungen nachzuahmen und zu vollenden.

9. Mai 2014 – – – 19:30 Uhr
Sputnik – – – Charlottenstraße 28 / Potsdam

20 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda

Ein Hinweis auf eine Veranstaltungsreihe zu dem Thema »20 Jahre nach dem Völkermord in Ruanda« an der Humboldt Universität Berlin.


Handschlag mit dem Teufel. General Roméo Dallaire und der Völkermord in Ruanda

Dokumentarfilm (2014) mit kurzer Einführung

Der Film zeigt die tragische Geschichte von General Roméo Dallaire, der 1994 als Kommandant der UN-Friedensmission in Ruanda gezwungen war, machtlos den Mord an über 800.000 Tutsis und moderaten Hutus in weniger als 100 Tagen anzusehen. Die internationale Gemeinschaft sah währenddessen untätig weg und verweigerte ihre Unterstützung. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Bericht und Buch Roméo Dallaires und verwendet Aufnahmen aus dem Jahre 1994 wie der ersten Rückkehr von Dallaire nach Ruanda 2004.

22. April 2014 – – – 19:30 Uhr
Humboldt Universität zu Berlin
Unter den Linden 6 – – – Raum 3038

Ruanda und die Folgen – Anatomie eines Völkermords
Vortrag von Hans Christoph Buch (Berlin / Erzähler, Essayist, Reporter)

Am 6. April 1994 wurde ein Flugzeug, das sich im Landeanflug auf Kigali, die Hauptstadt des zentralafrikanischen Staates Ruanda, befand, von zwei Boden-Luft-Raketen abgeschossen. An Bord waren sowohl der Staatspräsident von Ruanda als auch der des südlichen Nachbarlandes Burundi. Der Sender RTLM spielte Bruckners 7. Sinfonie. Es war der Auftakt für einen grausamen Genozid. Bis Mitte Juli des Jahres wurden über 800.000 Tutsis und moderate Hutus ermordet. Doch die Folgen des Völkermords dauern bis heute – wie die Situation im Kongo zeigt.
Hans Christoph Buch berichtet seit Jahren aus afrikanischen Krisenregionen, er hat zahlreiche Bücher über Afrika veröffentlicht. Sein Roman »Kain und Abel in Afrika« ist eine literarische Auseinandersetzung mit Ruanda.

24. April 2014 – – – 19:30 Uhr
Humboldt Universität zu Berlin
Dorotheenstraße 26 – – – Raum 207

Dass nichts Ähnliches geschehe – Kritische Theorie nach der Wiederholung
Vortrag von Felix Riedel (Marburg / Ethnologe und Autor)

Das Paradigma von der Singularität von Auschwitz erfuhr eine essentialistische Dekontextualisierung, die paradoxe Ideologien der Nichtintervention erzeugte. Nicht zur Beunruhigung dient die Rede von der Singularität mehr, sondern zur Beruhigung. Was es für Kritische Theorie heute bedeutet, dass Auschwitz sich nicht als Kopie wiederholen kann, sich aber als allzu »Ähnliches« mehrfach wiederholte, wird an einigen Ideologemen aufgezeigt, die in der vermeintlichen oder tatsächlichen Tradition Kritischer Theorie entstanden. Der Genozid in Ruanda stellt konventionelle marxistische Ableitungen ebenso in Frage, wie er die extreme Kränkung produzierte: Dass Gesellschaftskritik – als notorisch unorganisierte oder in Einzelwissenschaften wie »genocide studies« und »holocaust studies« neutralisierte – in den Jahrzehnten nach Auschwitz nicht einmal Genozide ähnlichen Ausmaßes vorab zu bestimmen und zu verhindern wusste.

25. April 2014 – – – 19:30 Uhr
Humboldt Universität zu Berlin
Dorotheenstraße 26 – – – Raum 207

Konferenz Kritische Theorie

Verwiesen sei auf die Konferenz »Kritische Theorie. Eine Erinnerung an die Zukunft«, die vom 29. November bis zum 1. Dezember an der Humboldt Universität zu Berlin stattfindet. Weitere Information auf der Website.